BGE & Fragtivismus

In einer Veranstaltung, welche ich am 11.03.16 im Kasino am Schwarzenbergplatz (Wien) besuchte, sagte Daniel Häni ein paar Worte zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Daniel Häni ist ein Schweizer Unternehmer, Autor und Mitgründer der „Initiative Grundeinkommen“. Es war das erste Mal, dass ich von dieser Idee hörte.

Im Gespräch mit seinem Interviewpartner, meinte Häni, dass ein unbedingtes Einkommen etwas sei, was die Menschen selbst fordern müssten – über direkte Demokratie. Diese Aussage fand ich ganz interessant. Schließlich ist die Freiheit, welche jemand, an jemand anderen übergibt, per Definition keine Freiheit mehr.

Das bedingungslose Grundeinkommen

Was ist das BGE? In der simpelsten Form erklärt: Jeder Mensch, kriegt -einfach so-, monatlich einen bestimmten Betrag vom Staat überwiesen. Jede Person erhält diese Leistung also bedingungslos, allein aufgrund ihrer Existenz – unabhängig z.B. davon, welcher Tätigkeit dieser Mensch nachgeht, oder wie viel er/sie arbeitet. Wie soll das aber funktionieren? Woher soll das ganze Geld kommen?

Nun dazu gibt es viele Ansätze, die davon abhängig sind, von welchem konkreten Modell eines BGE man spricht. Dabei gibt bereits eine Vielzahl an Möglichkeiten, wie so ein Konzept umzusetzen wäre. Zu den relevanten Faktoren aus Sicht der Bürger zählen z.B., ob ein BGE die staatlichen Sozialleistungen komplett ersetzt? Ob Kinder auch eines kriegen sollten? Oder ob „reiche“ Menschen genauso ein Recht darauf haben? Aus Sicht der Finanzierung wäre andererseits zu klären, durch welche Form der Besteuerung, ein Staat die notwendigen Einnahmen erzielen könnte. Dabei gibt es bislang folgende Optionen: Besteuerung des Einkommens, des Konsums, der Nutzung und des Verbrauchs natürlicher Ressourcen, oder des Geldverkehrs.

Ein Beispiel, wie es funktionieren könnte

Über Konsumbesteuerung: Der Staat verteilt das BGE an die Bürger. Selbst wenn man nicht oder nur wenig arbeitet, bzw. über die Lohnsteuer den Staat unterstützt, ist man Konsument. Das bedeutet man kauft Güter und Dienstleistungen und das wahrscheinlich in höheren Maße, als wenn man kein Grundeinkommen beziehen würde. Das, in Kombination mit einer etwas erhöhten MwSt., sowie dem Wegfall einiger Sozialleistungen (z.B. Familienbeihilfe), könnten eventuell ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzieren. Dieses Beispiel ist natürlich extrem vereinfacht. Ob sich das wirklich so ausgeht, weiß ich persönlich nicht. Bevor man jedoch einige dieser Modelle als funktionierend oder nicht funktionierend beurteilt, stellt sich eine andere Frage.

Die eigentliche Frage

Beim BGE geht es, zum jetzigen Zeitpunkt und in erster Linie, um die Frage, ob wir überhaupt eines wollen. Es geht um die Idee, um die Entscheidung, ob uns dieses Thema ernsthaft interessiert und ob wir uns näher damit beschäftigen wollen. Alle Fragen bezüglich einer genauen Definition, seiner monetären Höhe, der Finanzierung, der Umsetzung, oder der Wahl richtigen Modells, stellen sich erst danach.

Ich weiß, das klingt danach, als würde man diesen Fragen ausweichen – aber es steckt ein Sinn dahinter. Das ist etwas, was ich nach der Lektüre von Daniel Häni’s Buch „“Was fehlt, wenn alles da ist?“ verstanden habe. In diesem widmet sich der Autor nämlich eher grundlegenden Fragen, die eine Debatte über das Thema erst ermöglichen, als z.B. die verschiedenen Modelle zu vergleichen. Doch ist es nicht klar, dass alle gern ein BGE hätten?

Anscheinend nicht. Laut Häni gibt es bereits bei der Frage darüber, ob wir ein BGE wollen, teilweise große Meinungsunterschiede. Denn es dreht sich nicht nur um die Frage, ob wir selber gerne eines hätten – sondern auch, ob wir es unseren Mitmenschen gönnen würden. Schließlich soll ein Phänomen aus der Psychologie dazu führen, dass man sich selbst in den meisten Fragen besser einschätzt, als seine Mitmenschen. Das kann dann zu Aussagen führen wie: „Also ich, ich würde mit einem BGE, sicher genauso viel arbeiten wie bis jetzt…Aber die anderen..da bin ich mir nicht so sicher..deswegen bin ich eher gegen ein BGE, weil die anderen ja dann von meiner harten Arbeit leben…“

Was ich außerdem an dieser Stelle interessant finde: Unter (österreichischen) Politikern sieht es so aus, als gäbe es aus dem gesamten parteilichen Spektrum sowohl Vertreter, als auch Gegner des BGE. Wahrscheinlich spielt dabei der Mangel an einer einheitlichen Definition auch eine entscheidende Rolle.

Können wir uns so etwas überhaupt vorstellen? Wollen wir ein BGE? – Das ist und bleibt also, vorerst, die relevante Frage.

Ich jedenfalls finde das Thema BGE sehr interessant und bin der Ansicht, dass man sich darüber ernsthaft Gedanken machen sollte. Es könnte wirklich viel in unserer Gesellschaft und auf der Welt ändern. Außerdem wird es immer relevanter, je weiter der Trend in Richtung Technologisierung/Automatisierung/künstlicher Intelligenz geht, da dadurch, immer mehr Arbeitsplätze (zum Glück!) wegfallen werden.
Gegen Ende des Abends fragte ich Herrn Häni, was man denn tun könne, um so ein Konzept zu fördern und es als Gesprächsthema unter die Leute zu bringen. Er antwortete sinngemäß damit, dass man einfach viel mehr Fragen stellen müsse.

Exkurs – Fragtivismus

Mehr Fragen stellen also… und damit war ein Neologismus geschaffen: der Fragtivismus! Unter Fragtivismus verstehe ich einen Aktivismus durch Fragen.

Fragen haben ein inhärentes Potential, beim Rezipient einen Denkprozess einzuleiten. Gleichzeitig umgeht man die Diskussion darüber, dass die eine Person meint, die andere versucht sie von der eigenen Position zu überzeugen. Fragen sind edler als Meinungen. Sie sind ein effektives Werkzeug, mit der man Neugierde, Interesse für ein Thema, oder in weiterer Folge die intrinsische Motivation einer Person stimulieren kann. Und diese Motivation ist wichtig, denn nur wenn die Motivation „von innen“ kommt, tun Menschen etwas leidenschaftlich und gerne.

Bezogen auf das Thema „Nachhaltige Entwicklung“ ist genau das, sehr wichtig. Denn, nur wenn Menschen gerne und leidenschaftlich nachhaltig leben, nehmen sie das Konzept in ihren Alltag auf. Schließlich können wir uns nur nachhaltig entwickeln, wenn möglichst viele Menschen, die Nachhaltigkeit in ihren Alltag aufnehmen.

BGE – Bedeutung für Nachhaltigkeit

Für mich wirkt das BGE so, als würde es ein enormes Potential aufweisen, um den gesellschaftlichen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit drastisch zu beschleunigen. Aus Sicht eines Einzelnen, könnte das BGE als Voraussetzung bzw. als Fördermittel dazu dienen, Verantwortung zu übernehmen – für das eigene Leben, für den eigenen Lebensstil. Menschen hätten z.B. die Möglichkeit, ethisch bedenkliche, bzw. umweltgefährdende Jobangebote einfach abzulehnen. Auch viele Konsumenten wären nicht weiter auf Discounterware angewiesen und könnten sich z.B. öfter Bioprodukte leisten.

Weiterhin gäbe das BGE einem die Möglichkeit, sich mit dem zu beschäftigen, was man wirklich auch möchte. Denn wenn man tut, was man wirklich will, dann tut man es gut, dann ist man glücklich, dann arbeitet man auch gerne und hart dafür. Und das glaube ich, kann für den Fortschritt eines Landes nur förderlich sein. Schließlich fällt mir gerade auch eine weitere Art und Weise ein, in der das BGE relevant für das Thema Nachhaltigkeit ist. Diese handelt von einer gekoppelten Einführung eines CO2-Steuersystems für Private mit einem BGE. Da es sich dabei um eine Idee handelt, mit der man wahrscheinlich viele Probleme auf einen Schlag bewältigen könnte, werde ich sie bald in einem eigenen Artikel thematisieren.

Was tut sich gerade?

In den letzten Jahren gab es einen regelrechten Boom an Aktionen, Nachrichten, Initiativen und Ideen was das BGE angeht. Letztes Jahr gab es die weltweit erste Volksabstimmung zum BGE in der Schweiz, bei der bereits knapp ein Viertel der Bevölkerung dafür gestimmt hat. Allein in Wien gibt es mittlerweile drei Initiativen, die sich (teilweise in Kooperation) für das BGE einsetzen. Auf dieser und dieser Seite, finden sich die Links zu einigen Fernsehbeiträgen & Filmen zu diesem Thema. Der nächste Spielfilm kommt am 05.05.17 in die Kinos und heißt „Free Lunch Society – Komm Komm Grundeinkommen“.

Gleichzeitig, hat Micha Bohmeyer von „mein-grundeinkommen.de“ letzte Woche über seine Initiative, bereits das 85. Grundeinkommen verlost. Nicht zu vergessen sind natürlich auch die vielen Gemeinden/Regionen, die bereits eine Umsetzung des Konzepts zu Versuchszwecken durchgeführt haben, oder jene, die so etwas planen. Siehe dazu den entsprechenden Artikel auf Wikipedia, bzw. für den wahrscheinlich aktuellsten Versuch aus Kanada hier.

Es tut sich also wirklich viel in Richtung BGE und ich persönlich, kann das nur begrüßen. Jedenfalls bleibt es spannend, wie sich der Trend entwickeln wird und wann das BGE letztendlich zur Realität wird. Für mich steht fest: Das BGE wird kommen. Die Frage ist nur wann.

Übrigens

Was meint ihr: Stellen wir uns selbst und unserem Umfeld eigentlich genug Fragen?

  • Warum gibt es eigentlich in der Schweiz direkte Demokratie und auf der restlichen Welt, bzw. in Österreich/Deutschland noch nicht?
  • Ermöglicht das BGE womöglich ein Einkommen, um wirklich arbeiten zu können? (Statt zu arbeiten, um ein Einkommen zu ermöglichen?)
  • Was würdest du tun, wenn du nichts tun müsstest? Oder anders: Würdest du das tun, was du jetzt tust, wenn deine Existenz gesichert wäre?

Eine Aufzeichnung der Veranstaltung vom 11.03.16 gibt es hier:

Ein inhaltlich noch besserer Vortrag zum Grundeinkommen:

TEILEN

Facebooktwittermail
FOLGEN
Facebookyoutubeinstagram

Was meinst du dazu?